Ist Individual-Software noch zeitgemäß ?
Immer wieder ist zu hören, das Wörtchen »Standard« bedeute das Allheilmittel schlechthin. Doch viele Probleme sind eben kein Standard, sie passen nicht in die vorher ausgeschnittene Schablone.
Als Folge dieser Erkenntnis wird eine so genannte Standardsoftware mit Gewalt verbogen und alle erhofften Vorteile gehen schnell verloren: Die geplanten »kostenlosen« Upgrades des Herstellers müssen hingetrimmt werden, ein vielleicht sinnvoll erscheinendes Auslassen eines Upgrades wird mit Entzug der Wartung und Inkompatibilität mit neuen Systemumgebungen abgestraft. Obendrein führen Erweiterungen zu unerträglichen Benutzeroberflächen. Vom eigentlichen Standard wird nur ein Bruchteil genutzt, das heißt die meisten Eingabefelder sind für den Anwender ohne Bedeutung, verwirren aber im Arbeitsalltag.
Wichtige individuelle Ergänzungen dagegen finden sich versteckt in Flexfeldern, die natürlich nicht harmonisch in die Bedienung integriert sind. Schließlich verkehrt sich damit der letzte große Pluspunkt, der Kostenvorteil, durch umfangreiche Anpassungsmaßnahmen zusammen mit saftigen Lizenzgebühren und hungrigen Anforderungen an die Hardwareplattform schnell in sein Gegenteil. Gänzlich übersehen wird gerne, dass bei kleinen Standardsoftwareherstellern mit zum Beispiel nur 30 Mitarbeitern schnell eine höhere Abhängigkeit von bestimmten Personen entsteht als bei gut entwickelten und mit eigenem Team beherrschten Individuallösungen – von der wirtschaftlich dauerhaften Lebenskraft solcher Anbieter mal ganz abgesehen.
Für die zentralen unternehmenskritischen Geschäftsprozesse von Industrieunternehmen, wie zum Beispiel den Kundenauftragsprozess eines Automobilherstellers, das Zahlungsverkehrssystem einer Bank oder das Buchungs- und Abwicklungssystem eines Touristikunternehmens, gibt es häufig keine Standardsoftware.
Die Anforderungen sind zu speziell und die Einbindung in die Anwendungslandschaft ist so komplex, dass die Schnittstellen mehr Umfang hätten als das eigentliche System.Bei Individualsoftware muss hingegen nichts Unnötiges entwickelt und gewartet werden. Die Benutzerschnittstelle ist effizient gestaltet, um in der Massendatenverarbeitung die Benutzung als wichtigen Kostenfaktor möglichst niedrig zu halten. Schließlich lässt sich auch technisch jeglicher Ballast vermeiden, sodass ressourcenschonender mit den Hardwareanforderungen umgegangen wird. Nicht zu unterschätzen ist die Möglichkeit bei Individuallösungen, neue technische Ansätze früh zu nutzen. Bevor diese Innovationen Einzug in Standardsoftware halten, gehen meist einige Releases und Jahre ins Land.Individualsoftware mit einem sorgfältigen Design, entwickelt nach besten Software-Engineering-Gesichtspunkten ist zukunftssicher und wirtschaftlich wartbar. Eine Lebensdauer von zehn, fünfzehn und mehr Jahren ist realistisch. Durch entsprechende Schichtung und Kapselung, das heißt durch Trennung der Anwendungslogik von technischer Software und gut gewählte Modularisierung, können dabei mehrere Generationen von Basissoftware wie Betriebssystem und Datenbank gemeistert werden. Allerdings sollte man sich hier – ebenso wie bei der Einführung von Standardsoftware – professioneller Unterstützung bedienen.